Methoden der Handschriftenkunde

Beispiel 2: Wasserzeichenanalyse bei Franz Schubert

Rund 300 seiner musikalischen Niederschriften hat Franz Schubert nicht selbst datiert. Die nachträglichen Datierungen mittels Wasserzeichenanalyse sind vielfach genauer und auch oft abweichend im Vergleich zu vorherigen Schätzungen zur Datierung nach anderen Kriterien (Vgl. Litschauer, S. 160f.). Für einige Autographen und Skizzen Schuberts blieb die Wasserzeichenanalyse als einzige brauchbare Methode übrig.  
Als erster Schritt ist zunächst die Betrachtung von Schuberts Schreibgewohnheiten und seinem Papierverbrauch wichtig. Hierüber wird in mehreren Quellen berichtet. So schreibt Schuberts Schulfreund Josef von Spaun, „daß er [Schubert] schon eine Menge komponiert habe“ und „kein Notenpapier und kein Geld habe, um sich eines zu kaufen“ (Josef von Spaun, Erinnerungen, zitiert nach Litschauer, S. 156). Spaun habe Schubert daraufhin, etwa ab 1811, regelmäßig mit großen Mengen an Notenpapier versorgt, die Schubert immer rasch verbrauchte. Man kann also relativ sicher davon ausgehen, dass Schubert das Papier bereits schnell nach dem Papierkauf beschrieb und vermutlich höchstens für kurze Werke wie Lieder auf älteres Papier zurückgriff (Vgl. Litschauer 156f.). Die Zeitspanne zwischen Papierschöpfung und Beschreiben des Notenpapiers wird daher eher gering sein. 
Bei der Durchsicht sämtlicher Autographen Schuberts zeigt sich, dass das von Schubert verwendete Papier aus verschiedenen Papiermühlen stammt, hauptsächlich aber gebrauchte er mitteldickes, einfaches Papier böhmischer Herkunft. Das Notenpapier wurde zum größten Teil von der Papiermühle Welhartitz und der Papiermühle Wostrazna hergestellt (Vgl. Litschauer, S. 157).
Die Dauer, wie lange ein bestimmtes Wasserzeichen in jeweils derselben Papiersorte nachweisbar ist – also die Dauer, bis das Drahtzeichen oder das gesamte Schöpfsieb ausgetauscht wurden, beträgt laut Robert Winter sehr unterschiedliche Zeiträume von wenigen Monaten bis drei Jahren (Vgl. Litschauer, S. 156). Tatsächlich treten zwischen 1815 und 1821 zwei verschiedene Wasserzeichenformen der Firma Welhartitz in Schuberts Papieren auf, die sich nochmals in je zwei Ausprägungen unterteilen lassen: In der ersten Form ist der Firmenname mit „TIZ“ geschrieben, in der zweiten mit „TIEZ“. Daneben ist jeweils ein Wappen mit einer Lilie erkennbar.
Die vier Wasserzeichentypen, die sich durch die Ausprägungen ergeben, sind folgende:

Typ a1:
Firmenname mit „TIZ“, Lilie ist kurz. Bei Schubert nachweisbar von Mai 1815 - Herbst 1818

Typ a2:
Firmenname mit „TIZ“, Lilie ist lang gezogen. Bei Schubert nachweisbar von November 1815 bis September 1817

Typ b1:
Firmenname mit „TIEZ“, Lilie ist kurz. Bei Schubert nachweisbar von Oktober 1819 bis Dezember 1820

Typ b2:
Firmenname mit „TIEZ“, Lilie ist lang gezogen. Bei Schubert nachweisbar von November 1819 bis März 1821
(Vgl. Litschauer, S. 157ff.)

Rund 130 Autographen Schuberts weisen eines der vier Wasserzeichentypen auf. Werden diese Manuskripte in den jeweils richtigen Typus eingeordnet, so erhält man durch den Vergleich zu datierten Werken die etwaige Entstehungszeit der undatierten. Auf diese Art und Weise konnten eine Reihe von Kompositionen Schuberts vor 1822 datiert werden, so unter anderem das Lied „An die Leier“, die zweite Fassung von „An den Frühling“ und ein Fragment des Singspiels „Adrast“.

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