Geschrieben von: Teresa Samulewicz
Wer sich mit dem Leben und Wirken eines Komponisten beschäftigt, wird früher oder später auf Werke desselbigen treffen, die von besonderer Bedeutung sind; die Wendestellen im Schaffen des Komponisten darstellen oder große Einflüsse anderer Künstler verarbeiten bzw. auf andere Menschen haben. Um solche Werke in das Leben, die Schaffensperioden und die Entwicklung des Kompositionsstils des Komponisten einordnen zu können, spielen Jahreszahlen oder noch feinere Datumsangaben zum Entstehungsprozess des Werkes eine große Rolle. Oftmals gehen Fragen nach der Datierung auch einher mit Fragen zur Echtheit der Komposition. Dies ist für Musikbegeisterte interessant und für Musikwissenschaftler wichtig.
Aber auch zur möglichst originalgetreuen Interpretation der Musikwerke vergangener Jahrhunderte ist es wesentlich, das Entstehungsdatum des jeweiligen Werkes und die damalige Aufführungspraxis zu kennen. Nicht nur die Datierung von Autographen, sondern auch von Drucken, Konzertberichten, Rezensionen usw. spielt hierzu eine wichtige Rolle. Somit ist auch für Musiker und Dirigenten, die den Ansprüchen Ihrer Hörer nach originärer Interpretation gerecht werden wollen, die Datierungsfrage von großem Interesse.
Nicht zuletzt aber sind Datierungen von Notenschriften von großer Bedeutung für die Arbeit von Musikverlegern, -editoren und auch Bibliothekaren. Besonders bei Gesamtausgaben liegt die Notwendigkeit möglichst verlässlicher Angaben zur Entstehungszeit der Werke auf der Hand. Aber auch für einzelne Neueditionen ist man bestrebt, die Entstehungsdaten zu überprüfen. Kann man mithilfe der Datierung einen Anlass bzw. Beweggrund für die Komposition in Erfahrung bringen – beispielsweise bei Auftragsarbeiten oder bei gesellschaftlichen, politischen oder anderweitigen Anlässen, wie sie etwa diversen undatierten Kantaten Johann Sebastian Bachs zu Grunde liegen – so eröffnen sich ganz eigene Vermarktungsmöglichkeiten für den Musikverleger. So kann dieser beispielsweise die Werke zu den jeweiligen Anlässen – etwa Gedenk- oder Festtagen – zur Aufführung bringen lassen, was wiederum den Verkauf der Noten fördern kann. Außerdem können Musikverleger im Falle von Überarbeitungen des Werkes durch den Komponisten mithilfe der Datierung auf einfachste Weise die „Fortschrittlichkeit“ der Überarbeitung durch Zahlen verdeutlichen und somit die eigene Edition von Editionen des Originalwerkes abgrenzen. Ebenso funktioniert dies andersherum, indem man die „Ursprünglichkeit“ und „Jugendlichkeit“ des Originalwerkes in der Edition hervorhebt. Für Bibliotheken und Archive sowie deren Nutzer ist hingegen eine genaue Datierung vor allem von Drucken wichtig: So kann man sich beispielsweise vor Fehl- und Doppelbestellungen bewahren, solange verschiedene Ausgaben auch durch unterschiedliche Datierungsangaben gekennzeichnet sind.
Während diese Beispiele als Überblick genügen sollten, gibt es sicher noch diverse weitere Beweggründe, warum musikalische Schriftdokumente datiert bzw. deren Datierungen gegebenenfalls überprüft werden sollten.
Die hartnäckigsten Datierungsfälle finden sich wohl bei Schriftstücken aus dem dreizehnten bis frühen neunzehnten Jahrhundert. Aus der Zeit davor sind nur in wenigen Fällen überhaupt noch zu datierende Dokumente erhalten. Gerade aber die mittelalterlichen Musikcodices und Handschriften der Renaissance sind aufgrund ihrer nur noch sehr schlechten äußeren Verfassung sehr schwierig zu datieren. Außerdem sind weitere dokumentarische Belege zu den Handschriften kaum mehr erhalten. Schriften, die nach dem neunzehnten Jahrhundert entstanden sind, unterliegen oftmals günstigeren Bedingungen zur Datierung. Dies hat nicht zuletzt mit dem wachsenden Geschichtsbewusstsein im neunzehnten bzw. zwanzigsten Jahrhundert zu tun. Außerdem hat sich durch die Fortschritte in der Drucktechnik und der Papierherstellung im Zuge der Industrialisierung die „Papier-Situation“ so verbessert, dass auch Komponisten, die zu Lebzeiten weniger bekannt waren, ihre Werke drucken lassen konnten. Im Falle von verlorenen oder unvollständig erhaltenen Druckschriften steigt so die Wahrscheinlichkeit, dass noch weitere Druck-Exemplare desselben Werkes erhalten sind.
Solange man als Musikwissenschaftler überhaupt ein zeitgenössisches Schriftdokument in der Hand hält – selbst wenn es sich dabei nicht um das eigentliche zu datierende Dokument handelt, sondern um einen Druck, eine Abschrift oder einen Brief, einen Konzertbericht oder eine Rezension – kann man zwar immerhin noch mittels Papieranalyse dieser weiteren Schriften Rückschlüsse auf die Entstehungszeit der Komposition ziehen, jedoch sind jene Datierungen nie sehr genau.
Schwieriger noch wird es, wenn nur noch Druckschriften erhalten sind, die sehr viel später entstanden sind als das eigentliche zu datierende Dokument – etwa weil dieses nach dem Druck verloren gegangen ist, zum Beispiel wie bei diversen im Zweiten Weltkrieg verschollenen Schriften. Hier besteht, falls das Werk auch in keinen weiteren Dokumenten erwähnt wird, nur noch die Möglichkeit, anhand stilistischer Faktoren die Komposition in die Schaffenszeit des Komponisten einzuordnen. Auch diese Fälle sind eher schwierig zu handhaben.
Wiederum treten Datierungsprobleme auf, wenn verschiedene Dokumente vorliegen, die widersprüchliche Angaben zum Entstehungszeitpunkt der Komposition liefern. Ein Fall dieser Art ist in Kapitel II.3. zu der Hammerklaviersonate von Ludwig van Beethoven aufgeführt.
Die Datierungsaufgabe birgt zwei grundsätzlich verschiedene Lösungsansätze, die auch verifizierend angewendet werden können. Zum einen ist dies die Datierung nach internen Kriterien – die Stilkritische Methode, zum anderen die Datierung nach werkexternen Kriterien.
Bei Datierungen mittels interner Kriterien werden alle zur Datierung nützlichen Informationen aus dem geistigen Gehalt der zu datierenden Quelle selbst gezogen. Hierbei wird der musikalische Inhalt genauestens untersucht und der Stil in eine Schaffensphase des Komponisten eingeordnet. Die Stilistik und auch die Reife eines Werkes sind hier von besonderem Interesse. Über den Ausdruck, etwa bei einem sehr feierlich-tragischem Werk, können unter Umständen Rückschlüsse auf den Anlass der Komposition gezogen werden. Auch der Titel des Werkes kann hierzu Hinweise geben. Die Verwendung bestimmter Gattungen bzw. Stilelemente von anderen Komponisten oder fernen Ländern kann für eine kürzere Schaffensphase eines Komponisten typisch und somit für die Datierungsfrage relevant sein.
Wie sicher aber können diese Aussagen sein? Die Datierung nach internen Kriterien erfordert ein extrem hohes Maß an detailliertem und umfangreichem Wissen über die Werke und das Leben des Urhebers und erweist sich damit oft als sehr schwierig. Zudem sind Aussagen über die Datierung nur ungenau möglich und zudem sehr subjektiv. Je genauer das Entstehungsdatum angegeben wird, desto unzuverlässiger erscheint die Datierung. Daher wird oft nur dort stilkritisch analysiert, wo die Datierung nach externen Kriterien nicht möglich ist oder zu keinem sicheren Ergebnis geführt hat.
Datierungen nach externen Kriterien sind weitaus zuverlässiger und genauer, dafür jedoch nicht in absolut jedem Fall anwendbar. Hierbei werden zur Datierung externe Informationen herangezogen, die vom Inhalt der Quelle unabhängig sind. Dazu gehören zum einen weitere Dokumente, in denen das Werk erwähnt wird oder in denen Teile daraus enthalten sind, wie zum Beispiel Briefe, Abschriften oder Drucke und zum anderen die Analyse des reinen Materials wie bei der Papieranalyse. Hierbei werden beispielsweise die Wasserzeichen der Papiere analysiert und verglichen. Die Methode erlaubt eine auf ca. vier Jahre genaue Datierung, im Idealfall sogar weit genauer. Damit ist die Wasserzeichenanalyse eine sehr gängige und relativ zuverlässige Behandlungsweise, welche in dieser Ausarbeitung in Kapitel III.2. daher besonders detailliert dargestellt werden soll.
Außerdem zählen auch paläographische Aspekte zu den externen Datierungskriterien: Hierbei werden die Schriften auf zeitliche Besonderheiten untersucht, zum Beispiel nach charakteristischen Merkmalen der Handschrift oder der Verwendung für eine bestimmte Zeit üblicher Kürzel, Buchstabenformen, Schriftarten und speziell auch Noten-, Artikulations- und Vortragszeichen. Diese Methode wird häufig auch bei der Echtheitsprüfung eines Werkes angewendet.
Bei der Datierung nach externen Kriterien arbeitet man mit den Begriffen „terminus post quem non“ (=spätmöglichster Zeitpunkt) und „terminus ante quem non“ (=frühmöglichster Zeitpunkt). Als „terminus post quem non“ kann man den Zeitpunkt ansehen, in der das älteste Dokument datiert ist, welches die vollendete Komposition erwähnt: Das Werk kann also nicht nach Entstehung dieses Dokuments komponiert worden sein. Der „terminus ante quem non“ hingegen ist manchmal schwieriger festzustellen. Für den frühmöglichsten Entstehungszeitpunkt finden sich aber Hinweise in Skizzenbüchern – falls vorhanden – oder auch Briefen, in denen der Komponist sein Kompositionsvorhaben ankündigt bzw. einen Kompositionsauftrag erhält.
Die Ausführungen zu internen Kriterien sollen hier aufgrund der wenig verlässlichen Aussagekraft dieses Datierungsansatzes genügen. Zudem kann man hierzu keinen einheitlichen Regelkatalog aufstellen, da jede Datierung nach internen Kriterien einen Einzelfall darstellt. Die Methoden nach externen Kriterien sollen daher im Folgenden umso genauer und in verschiedensten Facetten vorgestellt werden.