Dokumentarische Datierungsmethoden

Beispiel 1: Beethovens „Hammerklavier“-Sonate op. 106

Am Beispiel der „Hammerklavier“-Sonate op. 106 (Siehe http://www.beethoven-haus-bonn.de/sixcms/detail.php?id=2259&
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_eid=2235&_ug=Werke%20f%fcr%20Klavier%20zu%202
%20H%e4nden&_werkid=107) von Ludwig van Beethoven kann man anschaulich nachvollziehen, wie vielfältig und aufwändig die dokumentarische Datierungsaufgabe sein kann. Wie Norbert Gertsch in seinem Artikel (Vgl. Gertsch, S. 53-93) über die Datierung der Sonate zeigt, erweisen sich Angaben von Beethoven selbst, die zuvor jahrelang Grundlage für die Datierung der Sonate waren, als äußerst fragwürdig, so dass eine erneute Datierung notwendig wird.
Die Hammerklavier-Sonate ist weder als Autograph noch in Abschriften herhalten. Es gibt jedoch zwei Drucklegungen: bei Artaria in Wien vom September 1819 und bei „Regent´s Harmonic Institution“ in London vom Oktober sowie nochmals vom Dezember 1819 (Vgl. Gertsch, S. 63). Außerdem ist ein Brief vom 3. März 1819 an Erzherzog Rudolph überliefert, in dem Beethoven u.a. folgendes über den Entstehungszeitraum behauptet:

„ich füge hier 2 Stücke bey, worauf geschrieben, daß ich Sie vor dem Namentage I.H.K. voriges Jahr schon geschrieben habe, aber Mißmuth u. so manche traurige Umstände meine damalige so üble Gesundheit hatten mich so Muhtloß gemacht, daß ich mich gar nur mit der grösten Ängstlichkeit u. Befangenheit I.H.K. nähern konnte […] Zuden 2 Stücke[n] von meiner Handschrift an I.H.K. Namenstag geschrieben sind noch 2 andere gekommen, wovon das letztere ein großes Fugato, so daß es eine große Sonate aus macht, welche nun bald erscheinen wird“ (BGA 4, 1292)( Zitiert nach Gertsch, S. 64)

Mit dem genannten Namenstag Rudolphs ist der 17. April 1818 gemeint, vor dem Beethoven die ersten beiden Sätze der mittlerweile vollständigen Sonate geschrieben haben will. Gertsch vermutet nachvollziehbar, dass Beethoven in seinem Brief jedoch die ersten beiden Sonatensätze strategisch zurückdatierte, um sich bei dem Erzherzog, in dessen Abhängigkeit er mittlerweile stand, einzuschmeicheln: Zum einen erhoffte sich Beethoven zum Zeitpunkt des Briefes eine feste Anstellung als Kapellmeister bei dem Erzbischof von Olmütz, zu dem Erzherzog Rudolph gewählt werden sollte. Zum anderen bat Beethoven den Erzherzog in einem anderen Brief aus derselben Zeit um Einflussnahme bei einer behördlichen Angelegenheit um Beethovens Neffen Karl, um dessen Vormundschaft er sich bemühte (Vgl. Gertsch, S. 65). Des Weiteren ergibt sich aus dem Briefwechsel mit Ferdinand Ries im März 1918, dass Beethoven zu dem Zeitpunkt,  als dieser die Sonate für Rudolph geschrieben haben will, nicht gut auf den Erzherzog zu sprechen war. Was spricht also dafür, dass Beethoven zu einem solchen Zeitpunkt die zwei Sätze der Sonate für Rudolph geschrieben hat, die er doch erst ein Jahr später – zu einer Zeit, als er auf die Gunst des Erzbischofs dringend angewiesen war – tatsächlich mit der Widmung abschickte?
Auch sorgfältige Untersuchungen der Skizzenbüchern (Sämtliche Skizzenbücher Beethovens sind vollständig im Digitalen Archiv des Beethoven-Haus Bonn verfügbar auf der Internetseite http://www.beethoven-haus-bonn.de/sixcms/detail.php?id=2236) und der Stichvorlagen grenzen den Entstehungszeitraum der Sonate genauer ein. Zwar ist das Werk in keinem Skizzenbuch vollständig zu finden, doch sind laut den Beschreibungen Gustav Nottebohms erste Entwürfe zur Sonate bis hin zur Skizzierung des zweiten Satzes in dem verschollenen „Boldrini“-Skizzenbuch enthalten (Vgl. Gertsch, S. 69). Durch Vergleich mit den Datierungen der skizzierten Werke auf den Seiten zuvor kann der Skizzierungsbeginn der Hammerklaviersonate auf November/Dezember 1817 festgelegt werden (Vgl. Gertsch, S. 69). In dem zeitlich anschließenden Skizzenbuch „Wien A45“ befinden sich noch letzte Skizzen zum zweiten Satz (Vgl. Gertsch, S. 70). Eintragungen Beethovens lassen erschließen, dass diese Skizzen ab Mai 1818 entstanden sind. Somit konnte Beethoven augenscheinlich die ersten beiden Sätze zum Namenstag Rudolphs im April 1818 gar nicht fertiggestellt haben. Durch den Briefwechsel mit Ferdinand Ries, der der Empfänger der Stichvorlagen in London war, erfahren wir außerdem mehr über den Zeitpunkt der Kompositionsvollendung des vierten Satzes (Vgl. Gertsch, S. 71), so dass die Komposition auf November 1817 bis spätestens Januar 1819 datiert wird. Trotz sehr aufwändiger Analysen ist hier keine genauere Datierung möglich. Dieses Beispiel mag verdeutlichen, wie intensiv und umfassend die Forschung um die Datierung musikalischer Werke sein kann.

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